Leseprobe "Die Verlorene Form"

Teil 3

Kapitel 20 

In Saly mischten sich Wehmut und das Verlangen, sein Monument fertig zu sehen. 

Als gösse man Öl in ein Fläschchen Wasser, zogen sich Schlieren durch sein Gehirn. Vielleicht Folgen des Abwartens. Weder der König noch Gor hatten sich nämlich bisher blicken lassen. Der Königsbesuch bei der Staute sollte eigentlich schon längst nachgeholt worden sein und was den Gießer, Monsieur Gor, betraf, war der Bildhauer von Amts wegen noch nicht einmal über dessen Ankunft in Kenntnis gesetzt worden. 

Es war so, als habe man Saly vergessen. 

Eines Abends passierte etwas Merkwürdiges. Saly fühlte sich gerade unendlich allein. Wie ein Haus mit leeren Gängen, in denen das eigene Ich hallte und sein Atem als Wind durch die Ritzen strich. 

Als er eine Stimme hörte. 

Von unten, aus dem Atelier. 

Halb durch den Park. 

Er ging zum Fenster und sah einen Lichtschein um sein Denkmal wandern. 

Wo waren die Wachen? 

In Panik raffte der Meister Hemd und Hose zusammen und stürmte in Pantoffeln nach unten. Am Kontor hielt er kurz an, schöpfte Atem und versuchte sich lautlos weiter zu bewegen. Vorsichtig wollte er sich einen Weg durch das vordere Atelier bahnen. Plötzlich Geräusche. Helligkeit streifte die Laken, welche unordentlich von der Staue hinabgeglitten waren. Ein Lichtschein fiel jetzt auf den Pferdekopf, dessen Schattenbild zusammen mit einer riesigen anderen Gestalt an der hinteren Mauer erschien. Dieses Schattenwesen erhob seine fürchterliche Krallenhand gegen das Pferd. Gilgamesch! Saly Herz bummerte. 

Trotzdem schlich er sich näher heran. 

Die beiden Schattenwesen vereinten sich. 

Plötzliches Schnauben. Riesig geblähte Nüstern. 

Wie bei einem Drachen, dachte Saly. 

Der die Bedrohung einsaugen oder fortpusten würde. 

Die Ohren des Pferdes begannen zu zucken. 

Sein Blick auf den Störenfried. 

Dessen Schatten wankte. 

Ein Schrei. 

Und der Eindringling war fort. 

Im Dunkeln verschwunden. 

Da lag die Laterne. Leuchtete in des Rosses Gesicht. 

„Ich habe Angst zu brennen!“, rief es. 

Es war Gor gewesen. 

Saly und näherte sich vorsichtig. Indes er  beruhigend auf es einsprach. 

Das Pferd sah ihn an. Versteinerte und nahm alle Energie mit sich. 

* * * 

Über Gor hörte man bereits vom ersten Tage an eine Menge Gerüchte. Dass er sich den Dänen gegenüber großspurig und unhöflich verhalte. Und leicht aufbrause. Sich äußerst ungeduldig zeige, wenn man sein pöbelhaftes Französisch nicht verstünde. Die meisten dänischen Handwerker habe er bereits hinausgeworfen und durch die eigenen Leute ersetzt. Welche durch Kopenhagen marodierten und in den Spelunken ihr Unwesen trieben. Alles in allem sei Monsieur Gor ein sehr unangenehmer Zeitgenosse. 

Am schlimmsten hatte es Petersen getroffen. 

Um Saly nicht zu beunruhigen, hatte dieser sich an Jardin gehalten, den er um ein Machtwort bat. 

„Die Pläne hat er zerrissen und darauf herumgetrampelt. Alles, was wir umgebaut haben, wurde bemängelt. Und dann hat er - ohne Kommentar – mir nichts dir nichts die Mauer zum Ofen einreißen lassen. Und ohne zu fragen neue Steine bestellt. Die teuren, aus doppelt gebranntem Lehm.“ 

Petersen war mit seinen Nerven am Ende. Hätte er doch tausend weitere Missetaten Gors aufzählen können. 

Stattdessen sprach er: 

„Ich ziehe mich zurück. Da mache ich nicht mehr mit. Seht selber zu, wie ihr mit diesem Barbaren klarkommt. Vielleicht wird der Kerl auf euch hören, Monsieur Jardin! Ihr seid ja schließlich ebenfalls Franzose!“ 

Jardin war getroffen. Keinesfalls hatte Gor bei ihrer ersten Begegnung, der offiziellen Übergabe des Gießhauses, den Eindruck eines ungebildeten, großspurigen Diktators gemacht. Da war ihm der Gießer, der sich Petersen und dessen Plänen aufmerksam gewidmet hatte, sehr jovial erschienen. Sogar den Umbau lobte der Meister im seiner - zugegeben etwas schwülstigen – Rede. Was einer formellen Abnahme des Gießhauses gleichkam. Später hatte Petersen ihn, Jardin, und den betriebsamen Meister mit seiner sehr auffällig gekleideten Gattin durch das Gebäude geführt. Da schien noch alles in Ordnung gewesen zu sein. 

Auch Saly hielt sich an Jardin. Auf Anraten Constances hatte er ihm sein nächtliches Erlebnis geschildert. 

„Es muss Gor gewesen sein. Wie aber kann man das herausbekommen?“ 

Jardin dachte nach. 

„Wir können den Üblen nicht einfach zur Rede stellen. Damit er überhaupt irgendetwas zugibt oder zumindest seinen wahren Charakter zeigt, wird man ihn wohl in eine Falle locken müssen…“ 

„Ich bin für Ränkespiele nicht geeignet. Das weißt du“, wandte Saly ein. 

„Mir kommt da eine – zugegeben - aberwitzige Idee. Diese Madame Gor wirkte recht eitel und impertinent. Aufgetakelt und primitiv in ihrer Art. Bei ihr müsste man ansetzen. Was hältst du davon, wenn wir Constanze als Spionin einführen und sie sich die Gor zur Freundin macht?“ 

Jardin gefiel sein spontaner Einfall und er wagte zu hoffen, dass Saly ihn mittragen würde.  

„Vielleicht eine willkommene Abwechslung für Constance. Nachdem sie so viel Zeit auf mich verwendet hat. Soll sie entscheiden!“ 

* * * 

Und wirklich. Constance nahm die Herausforderung an. Schon vorab sollte kein Hehl daraus gemacht werden, dass es sich bei Constance um eine „gefallene, ehemalige Hofdame der Prinzessin“ handelte. Sie beabsichtigte, diese Figur so spielen, wie Madame Gor sie sich vorstellte. Sie würde einfach alle Vorurteile und Erwartungen in die Rolle einbauen. Auf diese Art  würde sie eine Menge über den Gießer erfahren. Welch ein Spaß! 

Die erste Begegnung fand wie zufällig statt. Man traf sich beim Coiffeur. 

„Ich hatte sie sofort an der Angel. Mit der eigenen Eitelkeit und Gefallsucht gefangen! Ein wenig Begeisterung ob der geschmackvollen Mode hier und  Anspielungen auf Paris dort. Und da wurde die Gattin des Franzosen sofort sehr vertraulich. Prahlte munter drauflos. Zu ihrer Ausstaffierung habe Gor eine Unmenge Geld ausgegeben. Bei den besten königlichen Schneidern. Dabei habe sie dank der Beziehungen ihres Gatten, vor der Reise noch das Glück gehabt, dass sie einen Teil der halbfertigen, verwaisten Roben einer gewissen Madame de Pompadour, welche übrigens die Verruchteste und berühmteste der ehemaligen Mätressen des Königs sei, zu einem Sonderpreis zu erwerben, damit diese ihr auf den Leib geschneidert würden. Was denn mit Madame geschehen sei, hatte ich natürlich wissen wollen. Gor habe von deren Bruder, dem französischen Minister für Architektur und Bauten, in dessen Auftrag er das neue Königsdenkmal für den Place Royale gegossen habe, erfahren, dass die Unglückliche wohl das Zeitliche gesegnet hat. Da habe sie gleich zugreifen müssen.“ 

Constance räusperte sich. 

„An dieser Stelle war ich sehr verdutzt darüber, wie klein die Welt doch ist. Ausgerechnet diese abscheuliche Frau trug die Kleider jener Dame, die mein armer Saly einst vergötterte und jetzt tot ist! Wie sollen wir ihm das nur schonend beibringen?“ 

Mitten hinein in das Stück platzte die Nachricht, dass der König die Statue zu sehen wünsche. Seine Majestät beabsichtige dafür nach Charlottenborg zu kommen. Saly war das nur recht. Dann hatte er endlich alles hinter sich. 

Allein das Problem mit dem Sockel stand noch aus. Aber das war ja eher Moltkes Sache. Sollte dieser doch das Geld dafür auftreiben. Denn selbst die kleine Version, ohne Brunnen und Figuren, würde etwas kosten. Und damit der König sich einen Eindruck vom Gesamtmonument machen konnte, wollte Saly die schlichten Entwürfe wie zufällig gleich neben dem Gipsmodell drapieren. Da käme gleich Meinung in die Sache. 

Die Werkstatt war gründlich aufgeräumt, ein Teppich lag vom Atelier bis zum Monument und dieses hatte man im richtigen Abstand mit einer pompösen Kordel begrenzt. Außerdem gab es eine kleine girlandengeschmückte Treppe, die der König wegen der höheren Perspektive erklimmen konnte, wenn er wollte. Neben dem Gipsmodell fanden sich die Entwürfe des Sockels und ein Modell desselben. Die Gianellis waren anwesend, Jardin und Høyer. 

Saly hatte sich schlicht gekleidet, seine natürlichste Perücke aufgetan und stand ungeniert am Eingang seiner Werkstatt. Er war zufrieden. Auch beim dritten Zusammentreffen hegte er nicht den geringsten Zweifel, dass der König den Reiter gutheißen würde. Als Jüngling verwirklicht. Wie auf den Skizzen. Nur riesiger und eindrucksvoller. 

Als gemeldet wurde, dass der König eingetroffen sei, begann sein Herz zu klopfen. Keinesfalls durfte er an Constance denken! Heute ging es allein um die Kunst. Für die er alles gegeben hatte. 

Gesandte des Hofstaates schritten voran. 

Danach folgte ein kleiner, schmächtiger junger Mann mit sehr blassem Teint und riesigen Augen. An dessen Seite, im schlichten Gewandt der Kleriker, sein Erzieher Reventlow. Dahinter der fettleibige, in Brokat und Seide gezwängte König. Geführt von einer pompösen Dame. Saly wusste nicht, ob es sich dabei um die Königin handelte. 

Wachen postierten sich am Atelier. Dann trat der Hofstaat beiseite und ließ den König vorbei. Der Junge löste aus der Gruppe und sprang zu seinem Vater hin. Dabei zeigte er auf das Modell und rief vor Aufregung hüpfend: 

„Schaut, dort ist es!“ 

Prinz Christian war nicht viel größer aber anders geworden. Das Kindliche in seinem Gesicht war einer sorgenvollen Weisheit gewichen. Ein älterer Mann mit den Augen eines Knaben. Der seinen Vater bis zum Rande zog. Den König welcher bei dem Tau stand und nach oben sah. Dem es schwerfiel, seinen Kopf in den fetten Nacken zu legen. Genauso wie das Gehen ihn angestrengt hatte. Weswegen er beim Näherkommen das Denkmal aus den Augen verlor. Die Dame und Christian mussten ihn stützen. Man winkte und ein schwerer Sessel wurde hineingebracht. Wie ein Sack ließ sich der König in den Stuhl fallen und grunzte laut dabei. Eine laute Flatulenz war zu vernehmen. Plötzlich roch es faulig in des Königs Nähe. 

Christian begann vom einen Bein auf das andere zu wippen. Als müsse er sich erleichtern. Aber das war es nicht. Sondern reine Anspannung und Erregung. Unstete Blicke am Monument entlang. Von den Beinen des Pferdes hinauf zu den Füßen des Reiters. Des Prinzen Haupt zuckte und er murmelte etwas. 

„Nun, die Füße sind etwas groß geraten. Passt aber zu den Beinen, die ich sehr schön finde. Schöne Pferdebeine. Und die von dem Mann sind auch schön.“ 

Plötzlich, nach rechts tänzelnd, stand er nun vor dem Pferd. Beobachtete dessen Gesichtsausdruck genau. Der sich im eigenen Antlitz wiedergab. In Worten Bände sprach und sodann als Begeisterung ausbrach. Christian rief: 

„Fein! Fein!“ klatschte in die Hände. 

Dann wurde er jäh vollkommen ernst und sagte: 

„Der Pferdekopf ist ganz echt. Das Ross schaut mich an. Darf ich es streicheln?“ 

Saly war irritiert. Offenbar hatte der junge Prinz ihn, den Künstler, direkt angesprochen. Schuldbewusst schielte er zu seinem Aufpasser hinüber. Reventlow nickte wohlwollend. Der König, er zu schlafen schien, sah es im Augenwinkel. Un nickte ebenfalls. Die Treppe wurde näher an das Pferd gerückt und man half dem Prinzen durch die Absperrung. Sofort stürmte er die Stufen, streckte sich und erreichte, nur mit den Fingerspitzen, die riesige Pferdenase. Dabei sprach er sanft auf das Tier ein. 

Saly spürte einen wundersamen Stich im Herzen. Hatte er selber nicht genauso dort gestanden? Um das Tier zu besänftigen, nach dem Überfall des Gießers? 

Saly trat näher an den Jungen mit Pferd heran. Strahlend wärmte dessen warme Aura. Sanft und großzügig leuchteten die Augen. Darin ein Funken Freiheit. Beide taten einen Seufzer und gaben sich dem Augenblick hin. Da lag der Bildhauer neben dem Prinzen im Dickicht. Ganz nah bei der Herde im Wald. All die schönen Pferde im Morgendunst, und die Statue des weißen Hengstes. Mit geblähten Nüstern, witternd die Natur. Jene Gerüche. Und Laute. Plötzlich klatschte jemand in die Hände. Als wäre es Zeit, den Zauber zu zerstören, sprang der Prinz auf und rief: 

„Ej, wie fein! Das Pferd ist ganz echt. Ich möchte doch ein Pferd. Ein edles, mit warmen Augen und einer weichen Nase! Bringt mir so ein Pferd!“ 

Christian tippelte die Stufen hinunter, zu jener rechten Seite hin, auf der der Reiter in de Ferne sah. Der Blick von unten nach oben. Blieb am gehobenen Vorderbein hängen, glitt hinüber zum Reiterschenkel und heftete sich an des Reiters Arm. Starrte den Stab an. Sein Blick wurde klein. Die Pupillen sehr schwarz. Der ganze Mensch krümmte sich, tat die Linke zum Schritt, zeigte mit der anderen auf den Stock und murmelte vor sich hin. Fieberhaft zuckend flüsterte er, kaum hörbar: 

„Das darf man nicht, das ist verboten. Nein Nein. Nicht, Christian, davon wirst du dumm. Dumm….!“ 

Verschämt sah sich der Junge nach dem Erzieher um. Der ihn gebieterisch zu sich winkte. Als der der König im Hintergrund grunzte, blieb Christian stehen. Zufälligerweise direkt vor dem Gesicht des Reiters. Voller Verblüffung rief er: 

„Das bin ja ich! - Ich!“ 

Dann ließ er sich die Treppe bringen, schritt majestätisch die Stufen hinauf, straffte sich oben und wies mit gebieterisch auf die Figur: 

„Seht alle her! Ich bin ein Reiter!“  

Aber kein König, dachte Saly. 

Nun wollte der Junge Prinz das Monument jeden Tag sehen. 

Und Saly bekam zu hören, dass er sich dutzende Rösser vorführen ließ, um ´sein Pferd´ zu finden. Das Ergebnis war enttäuschend. Kein echtes Tier glich der Statue genügend. Christian wurde traurig. Und sagte, er wolle doch kein Reiter sein. 

Welch Auge und Gefühl gehörten dazu, um festzustellen, dass es das ideale Pferd in Wirklichkeit nicht gab! Saly hätte dies dem Jungen sagen müssen. 

Dann wäre der dänische Prinz vielleicht in Zukunft weniger traurig gewesen.